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„Wissen schützt Frauen - Selbstbestimmt in die Zukunft.“

Das Leben in der heutigen Zeit folgt häufig einem strikten Plan. Für viele ist klar - zuerst kommt die eigene Karriere und später die Familienplanung. Wie es den Betroffenen geht, die einen Tages feststellen müssen, dass Kinder kriegen nicht (mehr) auf natürlichem Wege klappt, weiß Isabelle von Plauen Reproduktionsmedizinerin am Fertlity Center in Berlin. Zu ihr kommen jedes Jahr hunderte Paare, die sich ein Kind wünschen aber aus den verschiedensten Gründen keines bekommen können. Im Interview mit OhYouWomen berichtet sie über ihre langjährigen Erfahrungen mit Betroffenen, die extreme psychische Belastung die eine Behandlung mit sich bringt und spricht über ihren Wunsch darüber ein größeres Bewusstsein bei jungen Menschen zur eigenen Fertilität und somit Selbstbestimmung zu schaffen.

OYW: Liebe Isabelle, du bist Fachärztin für Frauenheilkunde und Geburtshilfe mit Schwerpunkt Endokrinologie und Reproduktionsmedizin im Fertility Center Berlin. Du hast tagtäglich mit Frauen zu tun, deren Wunsch ein Kind zu bekommen, bisher nicht in Erfüllung gegangen ist. Welche Frauen sind das und ab welchem Zeitpunkt lassen sich die meisten helfen?

Isabelle von Plauen: Es gibt nicht die typische Frau mit Kinderwunsch - natürlich müssen wir uns viel mit dem Alter der Patientinnen auseinandersetzen, da heute die Realisierung des Kinderwunsches häufig nach hinten verschoben wird. In der sogenannten „Rushhour“ des Lebens einer Frau, also zwischen dem 20. und 40. Lebensjahr, stellen häufig die Ausbildung, das Studium, der erste Job oder die Suche nach dem perfekten Partner, Gründe dar, warum die Realisierung erst gegen Ende der Fertilität beginnt.

Die meisten Patientinnen suchen unsere Praxis auf, nachdem sie ein Jahr lang erfolglos versucht haben, spontan schwanger zu werden und vom Frauenarzt zu uns überwiesen werden. In Behandlung befinden sich auch Patientinnen, die aktuell nicht schwanger werden wollen, ihre Fertilität jedoch konservieren müssen, da sie an Krebs erkannt sind. Eine Chemotherapie oder Bestrahlung schädigt die Eizellreserve, sodass eine frühzeitige Behandlung mit Kryokonservierung (Einfrieren) der Eizellen, den Frauen die Möglichkeit eröffnet, auch noch nach Abschluss der Krebsbehandlung Mutter zu werden.Natürlich finden auch Frauen zu uns, die eine Samenspende benötigen, weil sie zum Beispiel in einer homosexuellen Partnerschaft leben oder sich für „single motherhood by choice“ entscheiden.

Fasst man alle Frauen zusammen, so liegt das durchschnittliche Alter der Patientinnen in Behandlung bei 36 Jahren.

OYW: Das Thema unerfüllter Kinderwunsch ist nach wie vor ein Thema über das Paare nicht gerne reden, weil es in unserer Leistungsgesellschaft wenig Platz hat. Wie sind Deine Erfahrungen bzgl. des Umgangs mit dem Thema in der Öffentlichkeit? Was könnte man verbessern?

Isabelle: Ich denke, dass sich die Bereitschaft über das Thema zu sprechen, langsam verändert - eine Veränderung, die ich sehr begrüße. Natürlich ist es verständlich, dass das Thema sehr persönlich ist - es geht um Enttäuschungen und um nicht erfüllte Hoffnungen innerhalb der Partnerschaft bis hin zu Sperma-Qualität und Zyklusstörungen. Themen, die man nicht mit gerne mit jedem teilt.

Dennoch berichten immer mehr Frauen untereinander von ihren Erfahrungen, vor allem wenn sie eine erfolgreiche Therapie hinter sich gebracht haben. Ich denke, dass diese Entwicklung schon viel Kommunikation ins Rollen gebracht hat und dass die jüngeren Frauen davon profitieren.

Derzeit wünsche ich mir noch eine bessere Aufklärung aller Frauen über die Endlichkeit unserer Fertilität - viele Frauen wissen nicht, dass es ab 35 Jahren schon schwieriger wird schwanger zu werden und auch schwanger zu bleiben. Mit dem 40. Lebensjahr ist bei einigen Frauen die Eizellreserve schon so weit erschöpft, dass wir auch mit allen uns in Deutschland zu Verfügung stehenden Maßnahmen keine Schwangerschaft mehr erzeugen können.

Die Hochglanzmagazine vermitteln uns immer wieder -„ 40 sind die neuen 30“ - dieses Statement mag für unser Hautbild und Trainingszustand passen - jedoch leider nicht für unsere Eizellreserve.

Wir wissen, dass gerade Akademikerinnen ihren Kinderwunsch später erfüllen, sodass sie häufig nicht auf ihre „erträumte und erhoffte“ Anzahl Kinder kommen. Ich würde mir wünschen, dass es eine von den Krankenkassen finanzierte Beratung zur Fertilität um das 25. Lebensjahr herum gäbe. Die Patientinnen könnten damit eine Einschätzung zu ihrer individuellen Fertilität erhalten und könnten so informiert über alle Optionen in die Zukunftsplanung schreiten. Dies könnte von den Frauenärzten durchgeführt und zum Beispiel an den Universitäten beworben werden.

OYW: In Deutschland werden die Kosten für eine Behandlung nur unter bestimmten Voraussetzungen und anteilig von der Krankenkasse bezahlt. Welche Voraussetzungen sind das? Könnte der Staat noch mehr tun und gibt es andere Länder an denen wir uns orientieren könnten?

Isabelle: Die Regelung der Krankenkasse besteht in der jetzigen Form seit 2004; die gesetzliche Krankenversicherung übernimmt bei nach deutschem Recht verheirateten Paaren 50 Prozent der Kosten der künstlichen Befruchtung. Weitere Voraussetzung hierfür ist, dass die Frau unter 40 Jahre alt und der Ehemann unter 50 Jahre jedoch nicht unter 25 Jahre alt ist. Diese Erstattung erfolgt für 3 Versuche ohne Übernahme von Kryokonservierung und Zusatzmaßnahmen. Ist ein Paar nicht verheiratet oder ist die Frau über 40 oder handelt es sich um ein gleichgeschlechtliches Paar, so übernimmt die GKV 0%.

Viele Paare sind somit von einer finanziellen Unterstützung ausgeschlossen. Langsam kommt etwas Bewegung in die Erstattung und einige Bundesländer beteiligen sich an den Kosten der künstlichen Befruchtung, allerdings orientieren sie sich an den Bedingungen der gesetzlichen Kassen.

Unser Gesundheitsminister hat angekündigt, das er Patientinnen mit Krebserkrankung bei dem Erhalt ihrer Fertilität finanziell unterstützen möchte. Wir warten noch auf die Realisierung des Gesetzentwurfs und hoffen, dass dies ein Anfang sein könnte, die Bedürfnisse der Paare mehr zu berücksichtigen. Es gibt mittlerweile 2 gesetzliche Krankenversicherungen, die die Kosten für 3 Versuche zu 100% übernehmen.

In unseren Nachbarländern sind die Altersgrenzen für die Erstattung der Kosten nicht so eng gesteckt, sodass beispielsweise auch 42-jährige Patientinnen eine Unterstützung erhalten. Weiterhin ist die Kostenübernahme auch unabhängig von einer Eheschließung und erfolgt für bis zu 6 Versuche. Es ist nicht von der Hand zu weisen, dass eine finanzielle Unterstützung den psychischen Druck, den eine solche Behandlung auslöst, vermindert.

OYW: Frauen bekommen heutzutage immer später Kinder, weil die Karriereplanung oft im Vordergrund steht. Die Biologie passt sich den neuen Lebensverhältnissen aber nicht an. Viele Frauen stellen viel zu spät fest, dass es nicht klappt. Das Thema social freezing wird in dem Zusammenhang immer mehr diskutiert. Worin siehst du die Vorteile aber auch die Nachteile?

Isabelle: Das social freezing ist ein etabliertes Verfahren mit welchem jungen Frauen die Möglichkeit gegeben wird, ihr fertiles Fenster zu vergrößern, eine Mutterschaft in eine spätere Dekade zu verschieben und dennoch ein genetisch eigenes Kind zu bekommen.

Das Ziel des social freezings ist es, möglichst vor dem 35. Lebensjahr ca. 20 reife Eizellen einzufrieren, damit die Patientin eine 80-prozentige Chance erhält, wann immer sie möchte, aus diesen Eizellen ein Kind zu gebären.

Es ist eine Methode die weltweit von Frauen genutzt wird - es ist ein Verfahren, welches von den Patientinnen selbst finanziert werden muss. Die Krankenkassen kommen für dieses Verfahren nicht auf. Damit ist dieses Verfahren auch nur für einen bestimmten Teil der Bevölkerung finanzierbar.

Der Vorteil dieser Methode liegt in der Autonomie, welche die Patientin dadurch erhält. Sie bestimmt selbst, wann der richtige Zeitpunkt für ein Kind ist. Allerdings wird sie eine ältere Mutter sein und hat damit mit etwas höheren Schwangerschaftskomplikationen zu rechnen, wie Bluthochdruck und Schwangerschaftsdiabetes. Die entstehenden Kinder sind mittels künstlicher Befruchtung gezeugt, damit besteht eine dezente Erhöhung des Risikos für Fehlbildungen. Gesellschaftlich hätten wir, denke ich, mehr davon, wenn wir Frauen unterstützen würden, früher Kinder zu bekommen und die Vereinbarkeit von Arbeit und Beruf weiter verbessern würden.

Liebe Isabelle, wir danken dir für das Interview!