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Der Angst den Finger zeigen.


Wir reden ja gern übers mutig sein. Im Job wie im Privaten. Aber Mut braucht immer auch sein Gegenstück. Denn Mut ist es, der unserer Angst den Finger zeigt. So seh‘ ich das mit der Angst, seitdem ich mich an Angst erinnern kann. Auch wenn die Emotionen manchmal überwältigen, überwältigender ist das Resultat, wenn du dich nicht erschrecken lässt.

Nehmen wir zum Beispiel die Angst vorm Fliegen. Im speziellen MEINE Angst vorm Fliegen. Jedes Mal, wenn ich in den Flieger steige (und das tue ich aus beruflichen und privaten Beweggründen regelmäßig) und vor allem wenn der Airbus „ready for take off“ ist, bin ich es überhaupt nicht. Diese Flugangst ist nicht nur unbequem, sie ist unangenehmst. Und trotzdem bleib ich sitzen. Niemand zwingt mich. Eine frei gewählte Angst. Aber, und das klingt jetzt wie ein Klischee: Jedes Ziel, an dem ich bisher angekommen bin, war die beschwerliche Reise wert. Und diese Metapher lässt sich dann sicherlich auch gut auf all die anderen anstehenden Reisen anwenden, bei denen uns die Angst im Wege steht.

Trotzdem fahre ich lieber Auto oder Zug. Und obwohl ich gerade jetzt in genau so einem sitze und nicht im Flieger, fürchte ich mich heute sogar ein großes Bisschen mehr.

Denn noch viel größer als die Angst, selbst umzukommen, ist die Angst um jemanden, der dir nähersteht als du dir selbst.

Gerade also bin ich auf dem Weg ins Krankenhaus nach Dresden/Neustadt. Das Ziel: meine 61-jährigen Mama, die nach einer Aneurysmatischen Subarachnoidalblutung – kurz Hirnblutung - seit 10 Tagen im künstlichen Koma oder besser gesagt in der Tiefnarkose liegt. Sediert. An Schläuchen. Das liest sich nicht einfach so weg. Und bleibt auch vor dem Augen stehen – bis es (hoffentlich) überstanden ist. Das ist nicht nur für sich allein stehend eine schlichtweg „große Scheiße“, wie es der Oberarzt formuliert als wir ihm letzte Woche Dienstag nachts verheult verschlafen gegenübersitzen. Das ist, nach einem November, der mich mit allergrößten Ängsten konfrontiert und bisher dennoch mit dem Glück im Unglück davonkommen ließ, die allergrößte aller Scheißen.

Voller Stolz fährt dein Sohn einen Berg hinab und will es selbstbewusst noch einmal tun. Und während du das Ganze von unten beobachtest (sogar filmst), siehst du auf seinem Weg nach unten das Unglück bereits in seinen Augen kommen. Angst macht sich breit in dir und instinktiv wirfst du dich auf den Boden, um ihn zu bewahren vor dem Unfall; zu spät. Blutüberströmt dein Kind und du ganz angsterfüllt und trotzdem bleibst du ruhig – für ihn, für dich. Weil du weißt, dass Angst dich jetzt nicht weiterbringt. Nur das Lächeln direkt in sein Gesicht, das ihm versichert: Es wird alles gut. Und wird es auch. Als Sanitär und Arzt Entwarnung geben und das Blut abwischen, bleibt nicht viel mehr als eine dicke Beule, eine große Geschichte für die Freunde in der Kita und ein bisschen Angst vor Bergen. Aber aufs Rad steigt er trotzdem wieder, weil er – wie er findet - ein „ziemlich guter Radfahrer“ ist.

Größer als die ganz Kleinen kann man Angst wohl nicht begegnen.

Und wenn du denkst, du bist hier mit dem blauen Auge davon gekommen, rammt zwei Wochen später ein „rote-Ampel-überfahrender-Senior" mit 50 Sachen in dein Auto. Du siehst es kommen, aber du verstehst es nicht und hoffst ängstlich , schnell und glimpflich noch davon zu kommen. Kommst du nicht. Es knallt. Und die Sekunde, in der du dich zu deinem Sohn drehst, ist die längste und schwerste Sekunde, an die du dich erinnern kannst. Und dann hast du dich noch nie so sehr über ein aufgeregtes Weinen gefreut wie in diesem Moment. Er hat sich erschrocken, aber es geht ihm gut. Und dann der nächste Schreck mit Blick auf deinen Bauch. Aber auch hier, alles in Ordnung. Das Auto ein Totalschaden. Wir, bis auf ein paar Nackenschmerzen und wieder einer Beule ohne bleibende Schäden. Und dein Sohn noch mehr Kitageschichten und einen neuen Witz im Petto „Passiert ein Unfall, kommt ein Arzt …“ Er lacht, wir staunen. Und rücken noch näher zusammen.

Und wenn du dann meinst, dass es für diesen November eigentlich genug war, telefonierst du 45 Minuten mit deiner Mama, die dir erzählt, dass sie erschöpft ist.

Diese deine Mama, der du, deine Schwester, ihr Partner und Ärzte in den Ohren liegen, sich nach alle den Jahren abrackern hinter Brötchentheken und aufopfern und niemals aufgeben, einmal auszuruhen. Und die dann fünf Minuten später einfach da liegt auf ihrem Sofa. Die, die niemals aufhört zu reden, ist mit einem Male stumm. Die weitere 2 Stunden später im Helikopter auf dem Weg in die Spezialklinik ist. Die Frau, die zwei starke Mädchen auf die Welt gebracht und groß gemacht hat, Krankheit und Tod ihres Mannes, deines heißgeliebten Papas, unerschrocken, wenn auch tief verzweifelt über- und verwunden hat. Die, für die Angst nie ein Hindernis war, dir den Glauben ans Nachvornegucken einzuimpfen. Selbst in den schwersten aller Zeiten. Genau das ist diejenige, die du jetzt schlafend vor dir siehst. Verkabelt oben, seitlich, an den Händen. Die Gefahr ist echt. Aber du weißt jetzt, dass du stark sein musst und willst. Weil du weißt, dass das Leben dir Angst machen kann, aber die Angst niemals gewinnen darf.

(links: Weihnachten 2014; rechts: Frühjahr 2016)

Ab hier geht der Blick nur nach vorn für dich, für sie. Erstickst jeden Zweifel an das Gute gleich im Keim. Deine eigenen und die der anderen. Versuchst Licht in ihren Raum und auch ins Dunkle zu bringen. Und weil nur wenig größer als die Angst vorm Ungewissen ist, versuchst du dich so schlau zu machen, wie du kannst. Du fragst die Ärzte alle Fragen und Dr. Google macht den Rest für dich. Du hälst zusammen und bekommst die Kraft, die dir abhanden kommt, von Menschen, die dich lieben. Dann fühlst du dich stark, selbst in der größten Krise.

Die Angst vor schlechten Nachrichten fährt ungefragt überall mit hin - auch im Zug. Aber auch jetzt, wenn es gleich heißt „Nächster Halt Dresden-Neustadt“, erinnerst du dich an die Worte deiner Freundin Julia: "Wenn alles möglich ist, ist auch das Beste möglich."

Deswegen bleib ich nicht sitzen, sondern steige aus. Bis der Mut gewonnen hat.

Und ein Gedanke hier zum Abschluss: Abseits aller großen Taten, ist es vielleicht das Mutigste von allen Dingen, über seine größten Ängste zu sprechen.